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Ironman Finish? Done!

Es ist Sonntag Abend, am 3.Juli 2016 – ein einfach unglaubliches Wochenende geht zu Ende. Sage und schreibe, 2 Lebens-Traumas konnten besiegt werden. Samstag Nacht um 23:47 Uhr hat unsere Nationalmannschaft die Italiener aus dem Turnier geworfen und damit das von Jogi Löw totgeschwiegenes aber dennoch allgegenwärtiges Italien-Trauma endlich besiegt. Und nur 17 Stunden später um 19:05 Uhr konnte ich meine erste Ironman Langdistanz bei der Europameisterschaft in Frankfurt erfolgreich finishen. Aber jetzt mal alles der Reihe nach…

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Ich hatte vor ein paar Tagen schon einmal von meinem Triathlon Training für den Ironman, der Begründung und meinen Plänen berichtet. Ich hatte auch berichtet, dass ich auf meine gute Grundlagenausdauer aus den letzten 35 Jahren und vor allem auch auf meine mentale Stärke setze. Ironmänner hatten mir im Vorfeld über Facebook-Gruppen und persönlich immer wieder gesagt „Genieß es.“ Das hat mich die ganze Woche beschäftigt. Mein Plan also „Finishen und genießen, statt um die beste Zeit zu kämpfen.“

Das Italien-Trauma

Samstag morgen reiste ich allein mit dem Auto (danke lieber Andre) und meinem Ironman-Gepäck nach Frankfurt. Schon bei der Registrierung am Mainkai-Ufer hat es geschüttet wie aus Kübeln. Startunterlagen abgeholt in der Merchandise-Area ein bisschen rumgeschlendert und nix gekauft. Spricht für eine gute Vorbereitung, dachte ich mir so. Ok, nächster Schritt – mit dem Auto zum Langener Waldsee zum Bike-Check-in. In Langen endlich angekommen – es schüttet immer noch. Beim Bike Checkin fiel mir das erste Mal richtig auf, wie entspannt und ruhig ich war. Im Vergleich zu anderen Triathleten bei der Wettkampf-Vorbereitung zumindest. Alles erledigt. Fahrradbeutel gepackt, Bike vorbereitet und mit 8 Bar die Reifen vollgeknallt, Laufbeutel gepackt, Energieriegel und Gels nicht vergessen. Alles gut und die Beutel aufgehangen bzw. den Laufbeutel in den LKW geschmissen, damit er von den Helfern an den Mainkai in die Wechselzone gefahren wird. Ab zum See, Schwimmstrecke checken. „Was ein riesiger See, den ich quasi zweimal komplett hin-  und zurück schwimmen muss“.

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15.30 Uhr – alles erledigt, ab in die Stadt zum Abendessen einkaufen, Entspannen. Zum Parkplatz sind es gut 1,5km zu Fuss. Am Auto angekommen fiel mir ein, dass ich auf meine beiden Beutel keine Startnummer geklebt hatte. War ich wohl ein bisschen zu entspannt. Der Worst-Case. Man kommt aus dem Wasser und der Startbeutel ist nicht zu finden, da keine Startnummer. Worstcase 2, man steigt nach 180km vom Rad und der 2. Beutel hängt nirgendswo, weil er keine Startnummer hat. Ok, zurück. Die Jungs am LKW, hassten mich kurz, da in Ihrem LKW 600-7000 Beutel deponiert waren – aber halt einer ohne Startnummer. In nur 10 Minuten konnten Sie meinen Beutel finden – Gott sei Dank und noch viel mehr den netten Helfern.

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Maccoroni Bologne mit Salat und Quarkspeise zum Nachtisch, sowie Bitburger Alkoholfrei eingekauft und ab in die schöne Wohnung mitten in Frankfurt (Danke Familie Hoschi, fürs Untervermieten). in einer Wohnung ist es deutlich entspannter als im Hotel. Ab auf die Couch,  eine Tüte Salzbretzeln verputzt und 1,5 Stunden Power-Napping. Ein Traum. Um kurz vor Sieben reiste dann der erste Edelfan Davide an. Zum Glück gab es keine Startplätze mehr, sonst hätte er wahrscheinlich noch schnell eine 30km Laufeinheit gestartet, um dann am nächsten Tag vorbereitet zu sein 😉

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Nach dem Essen begann auch schon das Spiel. Ihr habt es alle gesehen. Wir haben die Italiener geschlagen. In alter italienischer Manier sage ich, „Scheiss egal wie, wir sind weiter. Endlich auch mal gegen Italien.“ Zu oft haben wir die letzten Jahre geweint, weil die Squadra Azzurra uns im Halbfinale auf ihre unnachahmliche Weise weh getan hat. Um Punkt 0 Uhr, ins Bett. Viel zu spät, da wir ja schon um 4 Uhr wieder raus müssen. Egal, das war es wert.

Der längste Tag des Jahres

Nach knapp 4 Stunden Schlaf, raus aus dem Bett. Schnelle Dusche, schneller Espresso Dopio, 8 Toast mit Marmelade. Den Trusted Shops Triathlon Einteiler angelegt. Alles einpacken, checken, nochmal checken und dann ab ins Taxi an den Mainkai. Das Bus-Shuttle fuhr dann gefühlt 40 Minuten zum Langener Waldsee. Im Bus gab es nur ein Thema – Fussball. Eine gute Ablenkung, um nicht zu viel über den bevorstehenden Berg nachzudenken.

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Um 5.15 Uhr waren wir endlich da. Ich war mega entspannt. Von Angst keine Spur. Jetzt im Nachhinein kann ich allerdings sagen, dass ich auch gar nicht so richtig darüber nachgedacht habe, was jetzt alles kommt. Alles vorbereitet, Check. Kollege Wuestenigel aufgesucht und im Tunnel gefunden. Kurzer Chat. Selfie. Den ersten Energieriegel auf die Hand, Neo an, Schwimmbrille und Schwimmkappe an – ab zum Strand.

3,8km Schwimmen

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Der Startbereich füllt sich. Meiner erster Flaoting-Start. Heisst, man sortiert sich gemäß seiner selbsteingeschätzten Schwimmzeit in eine Gruppe ein. Genau wie beim Marathonlauf. Dann werden alle 10 Sekunden immer 12 Leute direkt nacheinander ins Wasser geschickt. Die Profis starteten um 6.40 Uhr – da ich mich in der Gruppe für 1:30h eingeordnet hatte, ich erst um Punkt 7. Aber alles fein. Durch den Floating-Start hat man deutlich weniger Leute beim Schwimmstart, die permanent versuchen über einen drüber zu Schwimmen, oder unbedingt vorbei wollen, es aber doch nicht wirklich schaffen. Die erste Runde – 1,5 Kilometer – bis zum 20 Meter Landgang am Strand – war ich gefühlt recht langsam. Egal, es ging ja ums finishen, nicht um den Sieg. Landgang war ganz nett, da man irgendwie im Kopf eine kleine Schwimmpause bekommt. Besser kann ich es nicht erklären. Die zweite Runde, also die restlichen 2,3 Kilometer, liefen irgendwie gut. Ich konnte entspannt die Runde durchschwimmen. Und als ich aus dem Wasser stieg, hatte ich gar nicht das Gefühl, dass es jetzt so schlimm war wie erwartet. 1:29h – für meine ersten 3,8km.

180km Radfahren

Ab aufs Rad. Hab mich gefreut, jetzt geht´s los und nicht vergessen. Nicht „provozieren“ lassen schnell und hart zu treten. Mit dem nassen Triathlon-Einteiler war es schon recht kalt. Ryf, die Weltmeisterin, war nach den ersten 15km als Führende ausgestiegen wegen Unterkühlung. Krass, denn als so kalt empfand ich das dann auch wieder nicht. Nach 2-3km dann der Schock. Mein Sattel war locker und kippt bei jedem Tritt vor- und zurück. Alle Schrauben hatte ich Samstag nochmal nachgezogen. Den Sattel nicht. Wann kam nochmal der offizielle Bike-Service?

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Nach 15km stand ein Triathlet draußen und wechselte seine Reifen. Er hatte einen Imbus dabei. Schnell schraubte ich meinen Sattel wieder fest und weiter gings. Mist, der Sattel war gefühlt 20 Grad nach unten geneigt. Hatte ich im Eifer des Geschäfts nicht bemerkt. Egal, ziehen wir jetzt so bis zum Bike-Service durch. Nach 30km kam der Bike-Service. Die Jungs, mit dem härtesten hessischen Akzent der Welt, spannten mein Rad ein und brachten meinen Sattel wieder in die richtige Position. Mega nett. Vielen Dank. Er meinte zu mir „Du bist der erste, der uns nicht anschreit wir sollen schneller machen…“ Nun denn, lass ich mal als kompliment so stehen (siehe Lächel-Taktik im Verlauf des Artikels). Ein fettes Danke an die Männer vom Bike-Service.

Endlich vernünftig auf dem Rad sitzen. Die Radstrecke fand ich super und man konnte ganz gemächlich Kilometer abspulen. Auch die Anzahl und Qualität der Verpflegungsstände passte mir super. Jeden Stand eine neue Pulle Wasser und eine Pulle Iso. Hab auch immer fast alles ausgetrunken bis zur nächsten Verpflegung. Vielleicht ein bisschen viel, denn ich war auf den 180km insgesamt 7 Mal Pinkeln. Ich weiß, dass andere Triathleten einfach laufen lassen, aber irgendwie hab ich da ne Hämmung. Also 7 Mal angehalten. Macht bestimmt nicht schneller, da man so schon gut aus dem Tritt kommt, aber ist wenigstens hygienisch korrekt.

Höhepunkt der ersten Radrunde war definitiv die Steigung in Bad Vilbel. Tour de France Feeling. 500 Meter im Ort bergauf mit einem Spalier an Fans, lauter Musik und Sonne. Aufgestanden, von der Stimmung provozieren lassen und so schnell es geht im Wiegeschritt hochgeknallt. Das war geil.

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In der Stadt, nach 90km, dann der erste Kontakt mit meinem Fanclub. Große Freude, meine Freude zu sehen. Man kann sich nicht vorstellen wie es mental hilft zu wissen, dass deine eigenen Fans auf dich warten um dich ins Ziel zu pushen.

Ab auf die zweite Runde. Alles beim Alten. Ziemlich genau auf der Hälfte der zweiten Runde in Friedberg zog die fetteste und größte schwarze Wolke auf. Es begann zu stürmen, zu schütten und kühlte runter auf 14 Grad. Ganz ehrlich, es waren die schrecklichsten 30 Radkilometer ever. Es war derart nass und kalt – ich hab beim Skifahren noch nie so gefroren wie hier. Egal, gehört wohl zu einem Ironman dazu.

Dann – an einem kleinen Anstieg reichte mir ein Triathlet eine Hand voll M&Ms und meinte „Schokolade ist gut gegen Regen.“…Junge, Du bist es. Schön ein bisschen Schokolade fürs Gemüt und der Regen wurde weniger und das Gemüt erholte sich wieder.

In Bad Vilbel, wo 2,5 Stunden vorher noch die Stimmung explodierte, war jetzt tote Hose. Keiner mehr draußen, alle Fans hatten sich in Sicherheit gebracht vor diesem üblen 1,5 stündigen Kaltregen.

Alles egal, Frankfurt in Sicht und angetrieben durch die Schokolade machte sich tatsächlich ein bisschen Vorfreude auf das Laufen breit. Kurz vor der Wechselzone, wieder mein Fanclub. Danke Leute, das hilft.

42,2km – Marathon laufen

Raus aus den nassen Schuhen, den klatschnassen Socken. Rein in die frischen Kompressionssocken und die weichen Laufschuhe, herrlich. Die ersten Kilometer durch das Fanspalier am Mainkai liefen super. Ich musste mich bremsen. 5:41min/km wollte ich die ersten 10km laufen, nicht schneller….Aber die Zuschauer pushten weiter.

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Es lief einfach gut. 10km, 15km, 20km…Halbmarathon in gut 1:58h..passt alles on track und fühlt sich super an. Die Gewissheit, dass sich der Fanclub auf der anderen Mainseite zweimal positioniert hatte, war ein unglaublicher Push. Sich selbst will man nicht enttäuschen richtig. Aber erst recht nicht, die Familie und Freunde, die den ganzen Tag nur auf Dich warten 😉

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25km, 30km – alles gut. Immer weiter fleissig Wasser und Iso getrunken und drauf geachtet nicht zu schnell zu laufen. Meine Geheimwaffe – Salzstangen. Ich hab mir regelmäßig Salzstangen eingeschoben Sind salzig und geben dem Magen mal ein bisschen Masse. Nach den ganzen Energieriegeln und Gels. Natürlich habe ich auch alle 10km auch ein Energiegel verbraucht. Es ging weiter…und auf einmal steht da die 35km Markierung und der Fanclub sagt „Henni – Du siehst super aus, nur noch 7km…dann bist du Ironman…“ Krass nur noch 7km und dann ist es geschafft? Ich konnte es eigentlich gar nicht glauben. Die letzte Runde war wunderbar. Ich war im Kopf und mental einfach mega klar. Ich habe mich so gut es ging bei allen Helfern an den Vepflegungsstellen bedankt. Bei allen Supportern und Klatschern am Strassenrand auch. Natürlich merkte man die Strapazen des Tages irgendwo. Kein Marathon-Hammer, nix. Keine Krämpfe, nix…einfach nur ein Lächeln auf dem Gesicht. Bei der letzten Markierung bei KM39 lief Highway to Hell! Ich summte mit, kam mir allerdings schon blöd dabei vor. Ich kanns nicht erklären, aber mir ging´s super. Ab über die Brücke, dann der letzte Kilometer und hoch in den Zieltunnel. Wahnsinn. Die Leute peitschten dich rein ins Ziel.

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Ironman! Einfach nur glücklich und keine großen Schmerzen. Endlich Ironman. Jeder beglückwünscht dich. Helfer, fremde Zuschauer, Eisverkäufer – einfach jeder. Dann kommt endlich der Fanclub…und es ist einfach wunderbar. Es ist geschafft. Ironman-Finisher. Done! Bucket-List: Check.

Ironman Finish – Erfolgsrezepte

Mein Fanclub

Danke Euch allen fürs unermüdliche Anfeuern – Schnatti, Andre, Berki, Carina, Davide, Max, Diana und Greta, Papa Podolski und natürlich Jessi und Marlene. Wenn die 2-jährige Tochter laut ruft „Lauf Papa, lauf Papa…Super“ dann läuft man garantiert ins Ziel 😉 Danke, danke. Es war wunderbar Euch im Rücken gehabt zu haben.

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Die Zielsetzung

Es war goldrichtig nicht auf Zeit zu gehen, sondern einfach auf Finish. Es war natürlich der anstrengendste Tag meines Lebens, aber auch dennoch sehr entspannt. Mit 12:05h bin ich trotzdem genau in meinem angepeilten Zielkorridor von 12 Stunden geblieben. Trotz 2x Bike Service, 7x Pinkeln und Knutschen mit dem Fanclub.

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Lifehack – Lächeln

Ein Lifehack. Lächeln. Wenn man möglichst viele Fans und Streckenposten anlächelt, vertreibt das nicht nur den Schmerz. Natürlich bemerken die Leute das Lächeln und bedanken sich mit unermüdlichen Anfeuerungsrufen. Das pusht so sehr, unglaublich. Dieser Plan war ebenfalls goldwert. Wer lächelt hat keine Schmerzen – ganz einfach.

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Gewicht reduzieren auf 82,5kg

Ich habe die letzten 2 Wochen 4,5kg abgenommen, bevor ich dann ab Freitag mit Carbo-Loading gestartet habe. Ebenfalls goldrichtig. 82,5kg – mein optimales Wettkampfgewicht. 3-4 Wochen ohne einen Tropfen Alkohol, trotz EM, haben sich selbstredend ebenfalls bewährt.

Die Triathlon-Sucht

„Es ist meine erste und meine letzte Langdistanz.“ Das war und ist der Plan. Aber es ist schon verrückt wie sehr dieser „Triathlon Dämon“ an einem arbeitet…Das war damals bei meiner ersten Sprintdistanz so, bei der olympischen usw. Und man sieht es genauso bei allen Rookies. Es macht süchtig.

Egal, jetzt kommt im September erstmal eine tolle Ironman-Halbdistanz auf Rügen. Als Ironman-Langdistanz-Finisher geht man da jetzt recht entspannt an den Start.

Danke

An alle die mich unterstützt haben, egal in welcher Form. Besonderer Dank geht natürlich an Jessi und Marlene. Ihr seid eh immer für mich da.  Dank geht auch an meinen Arbeitgeber und Ironman Sponsor „Trusted Shops„. Aber auch für die unzähligen Glückwunsch Nachrichten, die ich die letzten Stunden erhalte. Ihr seid die besten…Alle zusammen!

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